Ohnmächtig und nicht ansprechbar

Flughafen Koror, Palau. 03.05.2016, 10:10 morgens. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die Landebahn. Die Luft flimmert schon. Die Schreie der anderen Verletzten mischt sich mit dem Gebrüll der Feuerwehrleute. Einer der Highschool-Jungen läuft schreiend herum und will sich nicht helfen lassen. Ich schaue nach rechts und sehe unseren Schüler Erpin: Der arme Kerl hat das Knie übel verdreht und den Zeh zertrümmert und wird gerade von einem Ersthelfer gestützt. Nicht weit davon entfernt liegt Junia - das Gesicht voller Schnittwunden, aber noch bei Bewusstsein. All das ganze Elend lässt mich beinahe meinen offenen Bruch am Bein vergessen. Da kommen auch schon zwei Männer mit einer Bare angelaufen. Ich rufe sie her, damit sie sich schnellstmöglich um Christian kümmern, der regungslos mit einer klaffenden Wunde am Kopf da liegt.

Es gibt Dinge, über die denkt man in der Regel nicht nach. Eine missglückte Landung oder ein Flugzeugabsturz gehören definitiv dazu. Nichtsdestotrotz wäre es überlebenswichtig, wenn es einige Menschen am Flughafen gäbe, die wissen, was man in einem solchen Fall tun muss.

 

Für internationale Flughäfen ist es Pflicht, solche Szenerien zu Proben und das Prozedere von offiziellen Prüfern abnehmen und evaluieren zu lassen.

Aus diesem Grund waren wir heute zur Abwechslung mal bei der Flughafen-Feuerwehr, die Freiwillige als Verletzte und Opfer für ihre Übung brauchten, die möglichst noch unterschiedlich gute Englischkenntnisse besitzen. Das war für unsere Klasse eine willkommene Abwechslung und die Gelegenheit unsere schauspielerischen Fähigkeiten zu nutzen.

Nach einer Einweisung und einem Frühstück erhielten wir Kärtchen auf denen unsere Verletzungen und der Gesundheitszustand jedes einzelnen vermerkt waren. Ein reger Tauschhandel brach nun unter den Teilnehmern aus. „Ich werde bestimmt auf einer Bare weggetragen. Mag das jemand anderes für mich machen?“ „Die Feuerwehrleute werden doch wohl nicht wirklich meine Brust abtasten, oder?“ „Brust abtasten? Gib her - ich nehme es gerne!“ Es gab einiges zu Lachen.

 

Bewaffnet mit einer Wasserflasche wurden wir anschließend auf die Landebahn des internationalen Flughafens gefahren auf dem symbolisch das PMA Flugzeug geparkt war. Und dann ging es auch schon los:

Links von der Landebahn wurde etwas in Brand gesteckt und wenige Minuten später kam dann auch schon der Feuerwehrtruck mit Sirene angefahren. Die Verwundeten schrieen und die Bewusstlosen lagen regungslos auf dem heißen Asphalt. Nachdem der Brand gelöscht war kam auch schon der erste Feuerwehrmann angerannt, um die Verwundeten in Kategorien einzuteilen. Schwerverletzte bekamen ein rotes Bändchen, weniger schwerverletzte gelbe und leicht Verletzte ein grünes.

Nach und nach wurden wir auf Pick-Up Trucks verladen und zu den Versorgungszelten gefahren, die gerade erst aufgestellt wurden. Christian wurde wie einigen andere „bewusstlose Schwerverletzten“ mit einem Pickup Truck sogar bis ins Krankenhaus gefahren. Eine halsbrecherische Fahrt, die er so schnell nicht wieder vergessen wird. Das fehlende Blaulicht und der durchgehende Gebrauch der Hupe veranlasste einige entgegenkommenden Fahrer, die ohnehin schon lebensgefährlichen Überholmanöver der improvisierten Krankentransporte durch „Angsthasen“-Spielchen noch zu dramatisieren. „Wir sind ja eh auf dem Weg ins Krankenhaus…“ war der einzige Gedanke, der einen da noch beruhigen konnte.

Johanna war in der Zwischenzeit in ein Krankenhauszelt gebracht worden und hatte dort einige gute Gespräche mit den anderen „Patienten“. Großes Gelächter brach aus, als jemand in das Zelt stürmte und nach Schwangeren suchte und auf einmal alle feststellten, das Johanna die einzige Frau war. Oder auch als die leicht Verletzten nach längerem Warten am Immigration Office wieder mit ihren Familien zusammengeführt wurden, die in Form von einigen älteren Ladies daherkamen.

 

Alles in allem: Ein echt aufregender Dienstagvormittag für unseren sonst recht überschaubaren Inselalltag.

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Kommentare: 2
  • #1

    Mama (Dienstag, 03 Mai 2016 17:19)

    Erschrecken und Schmunzeln erfolgreich ausgelöst :-) !

  • #2

    Tini (Dienstag, 03 Mai 2016 18:45)

    Ja, erstmal vor allem fast einen Herzstillstand...!!! Am Ende war's ja lustig, aber allein die Überschrift...!!!