Himmelwärts

Heute, an einem verregneten Sonntag griff ich nach einem Buch, dass wir zu Weihnachten aus Deutschland zugeschickt bekommen haben. Die Geschichte hat mich so berührt, dass ich sie gerne mit euch hier teilen möchte:

Da gehe ich vor kurzem auf der schönen Landstraße, die von Bremen nach Horn führt, und vor mir her tändelte so ein neunjähriges Bürschlein mit der Büchertasche an der Seite. Es war nicht schwer, ihn einzuholen, denn er nahm sich Zeit, stand hier und da ein wenig still, sah sich genau die Wagen, Pferde und Menschen an, die vorbeikamen. Wie ich ihm näher komme, höre ich, dass er ein lustiges Volkslied singt, und das wundert mich umso mehr, da er auf seiner blauen Jacke noch die Zeichen empfangener Stockhiebe trägt.

Weil wir beide einsam sind, machen wir natürlich Gesellschaft, und bald entwickelt sich zwischen dem braunäugigen Bruder Lustig und mir folgende Unterhaltung:Ich: „Du kommst aber mal spät aus der Schule!“

Er (etwas verschämt): „Ja …. ich habe nachsitzen müssen.“

„Musst du öfter nachsitzen?“

„O ja, ich kriege auch oft Dresche - heute auch; das dumme Latein will gar nicht in meinen Kopf!“

Ich: „Ja, das ist auch eine schlimme Sprache; die hat mich auch recht gequält, als ich noch so ein Junge war. Aber weißt du, wer fleißig ist, der gewinnt’s endlich doch, und nachher, wenn man erst ordentlich Latein kann, lernt man alles andere leicht. Aber wohin willst du denn wandern?“

„Nach Osterholz.“

„Da haben deine Eltern wohl ein Landgut?“

„Nein, da wohnt nur meine Tante, und bei der bin ich.“

„Wo sind denn deine Eltern?“

Er (stolz): „In Konstantinopel! Da hat mein Vater ein Geschäft.“

„Wie kommst du denn hierher?“

„Meine Eltern haben mich, als ich noch ganz, ganz klein war, nach Deutschland geschickt, dass ich hier etwas Ordentliches lernen soll. Und dann über sieben Jahre, wenn ich recht gelehrt und auch erst konfirmiert bin, schreibt mein Papa, dann soll ich auch nach Konstantinopel kommen, wo mein Papa und meine Mama und meine fünf Brüder und Schwestern sind, die ich alle noch nicht kenne - und darauf freue ich mich riesig! Neulich hat mir meine liebe Mama noch geschrieben, dann käme ich an auf dem großen Dampfer und stünde vorne am Bugspriet und winkte mit meinem Hut, und sie ständen alle zusammen am Meer und winkten auch mit weißen Tüchern. Weißt du, am Goldenen Horn, wo es so wunderschön ist, sagt meine Tante, wie im Paradies, und dann käme ich endlich an, und die Anker rasselten ins Meer, und dann würde ich auf einem kleinen Boot an den Strand fahren, und dann umarmten wir uns und küssten uns, und dann käme ich in das Geschäft meines Vaters, und dann bleibe ich immer bei ihnen. Siehst du, darauf freue ich mich so sehr und denke immer daran, wenn ich ochsen muss, und morgens, wenn ich aufstehe, und auch wenn ich Hiebe kriege, und dann werde ich immer wieder froh.“

So weit mein kleiner Reisegefährte. Ich umarmte ihn, der nicht wusste, wie ihm geschah. Doch ich konnte nicht anders, denn er hatte mich gewaltig beschämt.

Vorher war ich düster und trübselig gewesen, unzufrieden mit mir und mit anderen wegen allerlei Gewürm und Gewölk, und nun war es helle geworden. Das hatte ich meinem kleinen Freund mit der blauen Jacke zu verdanken.

Dieser Junge, den sein Lehrer heute sicher gescholten und zur Bekräftigung mit ungebrannter Holzasche bearbeite hatte, hatte allen Schmerz vergessen, konnte alle Strafpredigten und Schläge überwinden in der Erwartung: Ich komme doch einmal nach Hause. Und wenn es noch sieben lange Jahre dauert, ich komme doch einmal nach Konstantinopel. Ja dieser Junge lebte glücklich in seiner Hoffnung. Und deshalb schämte ich mich.

Ich war nun schon so alt, hatte schon so viel an anderen und an mir erfahren von Gottes Freundlichkeit, hatte gesehen, wie fröhlich und sicher die Hoffnung auf jene unvergängliche Welt macht - und nun hatte ich mich wieder durch Kleinigkeiten so verzagt machen lassen.

Und als ich mich geschämt hatte, da ging auch mir die Sonne wieder auf, ich wusste, es geht immer nach Hause. Fort mit der Kopfhängerei! Ich höre Heimatklänge - und hoffe, alle meine Leser auch.

Ja, der alte Studentenvater Professor Tholuck in Halle hat Recht: „Der Christ allein kann ganz in der Gegenwart leben, denn ihm ist die Vergangenheit durchgestrichen und die Zukunft gewiss.“

 

 

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